Barmherzig und gnädig ist Gott, der Herr, groß ist seine Geduld und grenzenlos seine Liebe.
Psalm 103:8

Liebe Leser,

sind Sie geduldig? Geduld ist nicht jedermanns Sache. Arthur Garfunkel (76), ein Musiker meiner Generation, ist ein sehr geduldiger Mensch. So erzählt er es in einem Interview. Ganz anders als sein Partner Paul Simon (77). Der soll damals ein sehr ungeduldiger Künstler gewesen sein. Während Garfunkel neue Lieder solange probte und wiederholte, bis sie perfekt waren, wollte Simon die Lieder „nicht zu Tode proben“.* „The Sounds of Silence“, „Bridge over troubled water“ – das war damals für mich perfekte Musik!

Geduldige Menschen sind eine Rarität. Als ich noch berufstätig war, hatten manche Kollegen für die Ungeduldigen diesen Satz: „Unmögliches wird sofort erledigt, Wunder dauern etwas länger.“

Geduldig sein ist eine wunderbare Eigenschaft. Mit jemanden reden können, der mir geduldig zuhört und nicht ständig auf die Uhr schaut – das ist wunderbar. Jemanden haben, der mir eine Sache so lange geduldig erklärt, bis ich sie verstanden habe – ein wunderbarer Mensch. Jemand neben mir haben, der mich geduldig begleitet durch schwere Zeiten, durch Krisen, in Zeiten der Trauer oder der Krankheit – das ist ein Wunder.

Geduldig sein bedeutet im Neuen Testament, etwas aushalten können. Unter einer Situation ausharren, auch wenn es schwer fällt. Nicht davon laufen, sondern menschlich reifen. Manchmal kann ich gar nicht weglaufen vor einem Problem. Da bin ich gezwungen, meine Situation auszuhalten. Da muss ich drunter bleiben. Ich kann nicht weglaufen, wenn mein Kind behindert ist. Ich kann nicht weglaufen, wenn mein Ehepartner pflegebedürftig ist.

Geduldig etwas aushalten heißt nicht, sich aufgeben. Heißt nicht, jede Hoffnung zu verlieren und alles willenlos zu ertragen. Geduldig aushalten heißt, ein Ziel zu haben und daran zu arbeiten, mit viel Ausdauer. Das kann bei einer Krankheit bedeuten, intensiv an der Rehabilitation mitzuarbeiten. Das kann in Krisen heißen, sich mit einem Therapeuten oder Seelsorger an einen Tisch zu setzen. Das kann bei Trauer bedeuten, in einer Selbsthilfegruppe gemeinsam das Leid zu tragen.

Wer geduldig ist, hat einen langen Atem. Gott hat diesen langen Atem. Er ist geduldig mit jedem Menschen. Gott kann es aushalten, dass er von vielen Menschen abgelehnt wird. Gott kann es aushalten, dass ihm viele Menschen den Rücken zudrehen. Gott kann es aushalten, dass seine Liebe abgelehnt oder sogar mit Hass beantwortet wird.

Gottes Geduld wird sichtbar in Jesus Christus. Obwohl er den Menschen nur Gutes tat, wurde er abgelehnt. Aber er blieb dennoch bei ihnen. Geduldig hat er die Folter ertragen. Geduldig hat er den gewaltsamen Tod über sich ergehen lassen. Seine Liebe war und ist größer als alle Ablehnung.

Gottes Liebe ist auch heute noch grenzenlos. Gott gibt uns nicht auf – er liebt uns eine Ewigkeit (Jürgen Werth). Gott gibt uns nicht auf, weil er die Hoffnung hat, dass wir seine Liebe erwidern. Geduldig wartet er auf Sie und mich in seiner grenzenlosen Liebe.

Ich wünsche Ihnen eine gesegnete Woche!

Wenn Sie  beten möchten, aber die Worte fehlen: ich habe ein Gebet für Sie vorbereitet.

Guter Gott, Vater im Himmel,

ich danke dir für deine Geduld, die du jeden Tag mit mir hast.
Ich danke dir für deine grenzenlose Liebe, mit der du mich siehst.
Ich danke dir, dass ich nie ohne Hoffnung sein muss.
Du hilfst mir, durch die Wüstenzeiten meines Lebens zu kommen.
Du hast Geduld mit mir. Lass mich geduldig sein mit meinem Mitmenschen.

Amen.

*Süddeutsche Zeitung Nr. 248 S. 52

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