Den Bruder hüten

Wir fordern euch auf, den Faulen ins Gewissen zu reden!
1.Thess. 5:14 (Neues-Leben-Bibel)

Liebe Leser,

ganz Europa war schockiert über den Brückeneinsturz in Genua (Italien). Wie konnte eine Autobahnbrücke plötzlich zusammenbrechen und 43 Menschen in den Tod reißen?! Unsägliches Leid für unzählige Menschen! Auch mich hat dieses Drama fassungslos gemacht!

Natürlich fragten sich alle: warum konnte das passieren?! Wer trägt die Schuld an dieser Tragödie? Politiker fanden sofort eine Antwort: verantwortlich ist die Betreiber-Firma für die italienischen Autobahnen. Und auch die EU (Europäische Gemeinschaft) mit ihrer Sparpolitik.

Für italienische Ingenieure war das Unglück eine „vorhersehbare Tragödie”! So stand es in der Ingenieurwebseite „ingegneri.info” (FNP-Zeitung vom 16.8.18). Die italienische Zeitung „La Repubblica“ schrieb, dass schon im vergangenen Jahr das Polytechnikum Mailand große Schwächen an Stahlseilen entdeckt hatte (Quelle: FNP v. 18.8.18).

Mich lässt die Frage nicht los: warum hat denn niemand etwas unternommen, wenn diese Tragödie vorhersehbar war? Wer hat es unterlassen, dieses Unglück zu verhindern? Wie konnte es zu dieser „Unterlassungssünde“ kommen?  

Unterlassungssünde, das ist für den Apostel Paulus ein wichtiges Thema. Es ging damals ganz sicher nicht um so dramatische Ereignisse wie jetzt in Genua. Es ging nicht im Tod und Leben. Sondern es ging um Unterlassungssünden im ganz normalen Alltag. Ein Dauerbrenner bis heute.

Paulus muss seine Mitchristen daran erinnern, dass bequemes Nichtstun, dass Faulheit und Unordnung nicht vereinbar sind mit der Lebensordnung Gottes. Weil sie lieblos sind. Und womöglich Anderen schaden.

Paulus spricht ein Grundproblem vieler Menschen an, auch vieler Christen. Faulheit und Unordnung sind ein Mangel an Verantwortung. Kennen Sie diese Sätze: „Dieses Problem geht mich nichts an!“ Oder: „Dafür sind Andere zuständig.“ Oder: „Darum werden sich schon Andere kümmern.“?

Wer aus purer Bequemlichkeit keine Verantwortung übernehmen will, der kann damit Anderen schaden – körperlich, materiell, seelisch. Ich kann andere schädigen, in dem ich aus Bequemlichkeit meine Hände faul in den Schoß lege und einfach nichts tue. Für mich ist das „ethische Verwahrlosung“.

Paulus ermahnt ausdrücklich, Verantwortung zu übernehmen! Nicht die Dinge schleifen lassen. Vielmehr Verantwortung übernehmen für das eigene Leben, für das eigene Tun. Wir sind verantwortlich für das, was uns übertragen wurde. Sei es als Chef oder Vorsitzender, als Mitarbeiter, als Ehefrau und Ehemann, als Vater, als Mutter. Die Reihe der Verantwortlichkeiten kann noch lange fortgesetzt werden.

Ich habe alles zu tun, was Menschen, die mir anvertraut sind, vor Schaden bewahrt. Dort, wo ich Fehlentwicklungen erkenne, muss ich handeln. Ich darf vorhersehbare „Katastrophen“ nicht einfach ignorieren. Den Kopf in den Sand stecken. Ich soll, anders als der Brudermörder Kain, „meines Bruders Hüter sein“! (Gen. 4:9)

Was Paulus will, ist eine einfache und für alle machbare Alltags-Ethik. Es geht überhaupt nicht darum, mit dem moralischen Finger auf Andere zu zeigen. Paulus will eines: er will verhindern, dass durch Nichtstun, durch Faulheit, durch innere und äußere Unordnung andere Menschen leiden müssen. Unordnung kann zum Beispiel entstehen durch Kompetenzgerangel oder durch gegenseitiges Blockieren bei Entscheidungen.

Paulus will, dass Christen aktiv „Brücken“ zu ihren Mitmenschen bauen. Dass sie stabile und tragfähige Beziehungen bauen. Das geht nicht, wenn man die Hände in den Schoß legt und denkt: das ist nicht meine Aufgabe! Das geht mich nichts an. Sollen das doch die anderen machen! Ohne mich! -Wer so denkt, denkt lieblos.

Doch Paulus ist kein Theoretiker in Sachen Nächstenliebe. Er fordert im selben Atemzug auf: tröstet die Kleinmütigen, tragt die Schwachen. – Also: tröstet diejenigen, die niedergeschlagen sind, deren Leben nur noch wenig Sinn und Freude hat. Tröstet diejenigen, die kein Licht mehr am Horizont sehen. Und helft den Schwachen, den Kraftlosen, den Kranken. Vergesst nicht die Altgewordenen und Pflegebedürftigen. Kümmert euch auch um sie. Besucht sie in ihrer Einsamkeit, in ihren Leiden. – Das sind ganz konkrete Schritte der Verantwortung für meine Mitmenschen. Auch für diejenigen verantwortlich sein, die am Rande der Gesellschaft leben. Das geht eben nicht, wenn ich die Hände in der Hosentasche lasse.

Paulus muss dieses Thema enorm wichtig gewesen sein. Am Schluss seines Briefes schreibt er: „Ich beschwöre euch, dass dieser Brief der ganzen Gemeinde vorgelesen wird!“ Auch diese kurzen Ermahnungen sollten nicht überlesen oder weggelassen werden! Es ging ihm nicht nur um theologische Fragen, sondern um Ethik im Alltag.

Paulus war es immer wichtig, seinen Lesern Jesus Christus vor Augen zu malen. Er, der Gottessohn, der Messias, ging nie an den Problemen seiner Mitmenschen vorbei. Er hat nie die Augen verschlossen und gesagt: geht doch mich nichts an! Ist doch nicht mein Problem! Ihn ging ALLES etwas an, jede Not, jedes Elend. Er ging soweit, dass er die Schuld aller Menschen am Kreuz von Golgatha gesühnt hat. Freiwillig! Auch die Schuld derer, die heute die Augen zumachen und durch ihr liebloses Nichtstun anderen Menschen viel Leid bringen. Jesus hat gesagt: auch für euch übernehme ich die Verantwortung.

Jesus Christus ist der Hüter seiner Menschen. „Ich bin der gute Hirte“, sagt er (Johannes-Evangelium 10:11). Er achtet sorgsam auf jeden Menschen, auf Sie und mich. Ich denke, diese Achtsamkeit schulden wir auch unseren Mitmenschen. Um es mit Paulus zu sagen (in Vers 15b): „Gebt euch Mühe, im Umgang miteinander und mit allen Menschen (!) das Rechte zu tun.“ Geben wir uns Mühe, holen wir die Hände aus der Tasche und übernehmen Verantwortung, wo sie uns übertragen ist. Wir sind es Anderen und Gott schuldig.

 

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