Die Predigttexte stammen aus der laufenden Perikopenreihe der Evangelischen Kirche,
Reihe IV

 

Die Liebe soll euer höchstes Ziel sein. Und bemüht euch auch um die besonderen Gaben, die der Geist Gotts zuteilt, vor allem, dass ihr prophetisch reden könnt. Denn derjenige, der in einer geistgewirkten Sprache spricht, der spricht nicht zu Menschen, sondern zu Gott. Denn es versteht ja keiner. … Jemand, der prophetisch redet, der spricht zu den Menschen. Was er sagt, dient dazu, Menschen zu erbauen, im Glauben an den Herrn Jesus zu wachsen, und er ermutigt und tröstet sie. Wer prophetisch redet, baut die ganze Gemeinde auf.

1.Kor. 14, 1 – 3

Straßenname in Quedlinburg

„Man sollte alle Tage wenigstens ein kleines Lied hören, ein gutes Gedicht lesen, ein treffliches Gemälde sehen und, wenn es möglich zu machen wäre, einige vernünftige Worte sprechen.

Diese herrliche Weisheit steht nicht in der Bibel. Sie stammt von Johann Wolfgang von Goethe (1749 – 1832), dem berühmten Frankfurter Sohn. Nicht nur ein schönes Lied, ein gutes Gedicht und ein herrliches Gemälde erfreuen Herz und Sinne, sondern auch vernünftige Worte tun meinen Mitmenschen gut. Humorvoll sagt Goethe, dass es gar nicht so einfach ist, „ein paar vernünftige Worte“ zu sagen: „Wenn es möglich zu machen wäre …“

So reden, dass es anderen gut tut, darum geht es auch Paulus. Er legt den Christen in Korinth ans Herz, dass sie sich darum bemühen sollen! Sie sollen so reden, dass andere sie auch verstehen. Nicht nur mit den Ohren, sondern mit dem Herz. Sie sollen bitte so reden, dass andere Menschen dadurch erbaut werden, getröstet, im Glauben gestärkt werden. Das ist für ihn die „Gabe der prophetischen Rede“. Prophetisch Reden heißt, Gottes Wort so in unsere Zeit sagen zu können, dass es anderen Menschen gut tut und ihren Glauben an Jesus Christus wachsen lässt.

Die Christen in Korinth hatten andere Vorstellungen. Für sie war die „Gabe der geistgewirkten Sprache“ das Höchste. Dagegen hat Paulus grundsätzlich nichts. Beides ist gut: wem Gott die Gabe geschenkt hat, ihn in einer geistgewirkten Sprache anzubeten, der möge sich darüber freuen. Aber alle Christen sollten sich aus Liebe zu den Mitmenschen bemühen, mit ihren guten Worten (und guten Taten) anderen zu helfen, zu trösten, Gottes Liebe weiterzugeben.

Es wird so viel Hässliches und Verletzendes in unserer Zeit gesprochen, dass eine „sanfte Antwort“ (Sprüche 15:1) wohltuend ist: „Eine sanfte Antwort stillt den Zorn, aber ein hartes verletzendes Wort heizt ihn an.“

Manchmal kann es sogar Schwerstarbeit sein, gute Worte zu finden. Als der Reformator Martin Luther (1483 bis 1546) die Bibel in die deutsche Sprache übersetzte, musste er erst die richtigen Worte suchen. Diese Arbeit mit seinen Freunden (z.B. Melanchton, Aurogallus, Bugenhagen usw.) war schwer. Er schrieb: „Ich habe mich beflissen, dass ich ein reines und klares deutsch geben möchte, und oft ist es uns begegnet, dass wir vierzehn Tage, ja drei bis vier Wochen ein einziges Wort gesucht haben und gefragt haben, und haben es dennoch zuweilen nicht gefunden. Im Buch Hiob war die Arbeit so schwer, dass wir in vier Tagen zuweilen kaum drei Zeilen fertig stellen konnten.“

Luther war aber auch noch sprachlich sehr kreativ. Er schuf Redewendungen, die es damals nicht gab und die wir im deutschen bis heute kennen: Denkzettel, Feuereifer, Herzenslust, ein Buch mit sieben Siegeln, ein Dorn im Auge, im Dunkeln tappen. Lutherische Wortschöpfungen.

Vielleicht wäre das eine gute Übung für die kommenden Tage: anderen Menschen mit Feuereifer und Herzenslust das Evangelium von Jesus Christus so erzählen, dass es für sie nicht mehr ein Buch mit sieben Siegeln ist. Wie sollen unsere Mitmenschen nicht im Dunkeln tappen lassen! Und wenn wir reden, dann soll „die Liebe euer höchstes Ziel sein!“ Mein Vorschlag soll aber bitte kein Denkzettel sein! Das wäre Gott sicher ein Dorn im Auge.

Ich wünsche Ihnen eine gesegnete Woche!

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