Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen. Mt. 5:7

 

Liebe Leser,

der niederländische Maler Rembrandt hat das Gleichnis vom barmherzigen Samariter (Lukas-Evangelium Kap. 10, 25 f) in einer kleinen Skizze gezeichnet. Ich kann Ihnen diese Federzeichnung aus urheberrechtlichen Gründen leider nicht zeigen, will sie aber kurz beschreiben: ein junger Mann sitzt nackt beim Arzt. Der Mann beugt sich über ein Bein des Patienten und schaut die Wunde genau an.

Rembrandt skizzierte diese Zeichnung um 1650. Diese Darstellung ist so realistisch, als ob der junge Mann (er wurde das Opfer eines brutalen Überfalls) in einem Krankenhaus von einem Chirurgen behandelt würde.

Rembrandt zeichnet mit ein paar Strichen, was Barmherzigkeit ist: die Linderung des Elends. Der Patient ist das Opfer eines Raubüberfalls. Der barmherzige Samariter wird bildhaft zum Arzt, der das Elend eines Menschen lindert.

Ein barmherziger Mensch will das Elend eines Anderen lindern. Er beseitigt die Ursache nicht, aber er lindert die Schmerzen, er macht die Situation für den Anderen erträglich. Er hilft in der Not.

So ist auch Gottes Barmherzigkeit. Seit der Vertreibung aus dem Paradies lebt der Mensch unter dem Fluch der Sünde. Daher brauchen wir immer wieder neu die Vergebung. Doch die Folge einer Sünde verschwindet nicht automatisch, wenn sie vergeben ist. Die Folgen von Unrecht lösen sich ja nicht einfach in Luft auf durch die Gnade Gottes. Wer andere seelisch oder körperlich verletzt hat, verursacht Schmerz und Elend im Leben eines Anderen  – oft auch bei sich selbst. Manchmal lebenslang! Um mit den Folgen leben zu können, braucht es Barmherzigkeit.

Gott ist barmherzig, weil die Folgen der Sünde nicht ausgelöscht sind. Am Beispiel der barmherzigen Samariters macht das Jesus deutlich: der junge Mann wurde ein Opfer von bösen Menschen. Sie zogen ihn nackt aus und schlugen ihn halbtot. Der Samariter hatte Mitleid und leistete erste Hilfe. Er brachte ihn zu jemand, der ihn pflegen konnte. Er bezahlte sogar die Rechnung. Mit seiner Barmherzigkeit linderte der Samariter das Elend dieses hilflosen Menschen. Die grausame Tat konnte er nicht ungeschehen machen.

Genauso barmherzig ist Gott mit uns, wenn wir von „Räubern“ überfallen werden. Welche Sünde überfällt mich immer wieder? Welche Sünde raubt mir den Schlaf? Was raubt mir Lebenskraft? Welche Schuld raubt mir Freude und Friede? König David betete (Psalm 32, 1-3): „Freuen dürfen sich alle, denen Gott ihr Unrecht vergeben und ihre Verfehlungen zugedeckt hat! Freuen dürfen sich alle, denen der Herr die Schuld nicht anrechnet und deren Gewissen nicht mehr belastet ist! Herr, erst wollte ich meine Schuld verschweigen; doch davon wurde ich so krank, dass ich von früh bis spät nur stöhnen konnte.“

Gott vergibt uns unsere Schuld, wenn wir darum bitten. Wenn das bereinigt ist, kann Gott Barmherzigkeit schenken und das Elend lindern, das wir durch Sünde über uns gebracht haben.

Als Adam und Eva ihre Sünde erkannten, versteckten sie sich vor Gott. Sie schämten sich. Nackt standen sie vor ihrem Schöpfer und versuchten, ihre Scham vor Gott zu verbergen. In dieser Situation zeigte Gott seine Barmherzigkeit: er zog ihnen Felle an, er bekleidete sie (Genesis 3:21). Die Folgen des Ungehorsams wurden damit nicht aufgehoben. Aber Gott gab ihnen ihre Würde zurück.

Als Jesus am Kreuz von Golgatha hingerichtet wurde, zogen die Soldaten Jesus aus. Nackt hing er am Kreuz. Die Menschen zeigten kein Erbarmen mit dem Mann, der voller Erbarmen ist. Jesus Christus ist für mich der Barmherzige, der sich wie ein Arzt zu mir beugt und  meine seelischen Wunden behandelt. Der mich tröstet, wenn es mir elend geht. Der mit mir leidet. Was Gott seinem Volk Israel vor langer Zeit zugesprochen hat, gilt uns Christen auch heute noch: „Ich bin der Herr, dein Arzt.“ (Ex. 15:26).

 

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