Mir dämmerts!

Da nun Jesus hörte, dass Johannes gefangen gesetzt worden war, zog er sich nach Galiläa zurück.  Und er verließ Nazareth, kam und wohnte in Kapernaum, das am Galiläischen Meer liegt im Gebiet von Sebulon und Naftali, auf dass erfüllt würde, was gesagt ist durch den Propheten Jesaja, der da spricht (Jesaja 8,23; 9,1): »Das Land Sebulon und das Land Naftali, das Land am Meer, das Land jenseits des Jordans, das Galiläa der Heiden, das Volk, das in Finsternis saß, hat ein großes Licht gesehen; und denen, die saßen im Land und Schatten des Todes, ist ein Licht aufgegangen.« Seit der Zeit fing Jesus an zu predigen und zu sagen: Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen!

Matth. 4, 12 - 17

Liebe Leser,

ist das nicht merkwürdig, was Jesus tut? Johannes wird verhaftet, sitzt im Gefängnis. Aber Jesus besucht ihn nicht. Er besucht nicht seinen Verwandten (die beiden Mütter sind verwandt, siehe Lk. 1, 36), er besucht nicht den Mann, der ihn getauft hat. Er fordert auch nicht dessen Freilassung. Er geht weiter nach Kapernaum.

Jesus wird später einmal sagen: „Ich bin im Gefängnis gewesen, und ihr seid zu mir gekommen.“ (Mt. 25:36). Jesus will Barmherzigkeit. Nächstenliebe ist keine Theorie! Ist Jesus jetzt unbarmherzig mit Johannes? Ich denke nein. Jesus tut, was der Prophet Jesaja vor langer Zeit angekündigt hat: „Es wird nicht dunkel bleiben über denen, die in Angst sind!“ (Jes. 8:23). Jesus ist das Licht der Welt und er bringt seinem Volk dieses Licht. Das ist sein Auftrag. Das ist der Wille des Vaters im Himmel.

So beginnt auch das Johannes-Evangelium: „Das Leben selbst war in ihm – Jesus – und dieses Leben schenkt allen Menschen das Licht. Das Licht scheint in der Dunkelheit, und die Dunkelheit konnte es nicht auslöschen“ (Joh. 1, 4 – 5). Jesus Christus bringt Licht in alle Finsternis. Er durchdringt die finstersten Gedanken mit seiner Herrlichkeit. Er kann jedes Herz und jedes Gesicht durch seine Liebe zum Leuchten bringen. Seine Liebe bringt Wärme in jedes kalte Herz.

Jesus mutet Johannes zu, die Dunkelheit einer Gefangenschaft zu ertragen. Er sitzt in der Todeszelle. Er wird später hingerichtet. - Der deutsche Theologe Dietrich Bonhoeffer kämpfte gegen die Nazi-Herrschaft. Im Gefängnis schrieb er im Dezember 1944 das Lied „Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist mit uns am Abend und am Morgen, und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“ Am 9.April 1945 wird Dietrich Bonhoeffer von den Nazis hingerichtet.

Dietrich Bonhoeffers Lied ist seit damals vielen Menschen immer wieder ein Lied des Trostes und der Hoffnung geworden. Wir evangelische Christen singen es auch heute noch in unseren Gottesdiensten.

In vielen Ländern müssen Christen auch heute damit rechnen, wegen ihres Glaubens an Jesus Christus verhaftet, eingesperrt und sogar getötet zu werden. Doch das Licht Jesu strahlt weiter. Das Licht Gottes lässt sich nicht einsperren! Das Evangelium lässt sich nicht wegschließen hinter Gefängnistüren.

Nazi-Deutschland war ein „Volk, das in Finsternis saß“ (Matth. 4,16). Ich bin dankbar, dass ich heute in einem Land leben darf, in dem ich als Christ ungehindert leben darf. Ich bin dankbar, dass es eines Tages bei mir gedämmert hat: Jesus Christus ist das Licht der Welt. Er ist stärker als alle Finsternis. Wenn selbst ein kleines Streichholz Licht in eine dunkle Nacht bringt, wie viel mehr bringt Jesus Christus mit seiner Gegenwart Licht in alle Dunkelheit. In die Dunkelheit der Angst, der Einsamkeit, der Krankheit, der Trauer.

Ich wünsche Ihnen, dass Sie in den kommenden Tagen einem Menschen diesen Lichtstrahl der Liebe Gottes bringen können. Dass Sie durch ein gutes Wort, durch ein Lied, durch ein Gebet einem Menschen Hoffnung, Trost, Wärme bringen können. Dorthin, wo noch Angst und Dunkelheit herrschen. Damit es dort dämmert, damit dort die Sonne aufgeht! Gott segne Sie dabei!

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