Jesus Christus sagt: Ihr habt gehört, dass es im Gesetz von Mose heißt: »Du sollst nicht töten. Wer einen Mord begeht, wird verurteilt.« Ich aber sage: Schon der, der nur zornig auf jemanden ist, wird verurteilt! Wer zu seinem Freund sagt: »Du Dummkopf!«, den erwartet das Gericht. Und wer jemanden verflucht, dem droht das Feuer der Hölle. Wenn ihr also vor dem Altar im Tempel steht, um zu opfern, und es fällt euch mit einem Mal ein, dass jemand etwas gegen euch hat, dann lasst euer Opfer vor dem Altar liegen, geht zu dem Betreffenden und versöhnt euch mit ihm. Erst dann kommt zurück und bringt Gott euer Opfer dar. (Matth. 5, 21 f)

 

Liebe Leser,

 

Jesus predigt Versöhnung. Damit öffnet er seine radikal neue Sicht auf Gottes Gebote. Jesus lenkt den Blick auf unsere Gedanken. Denn dort beginnen die Probleme, die Streitereien. Im Kopf formt sich Gewalt. In den Gedanken reifen böse Taten.

 

Wahrscheinlich saß unter seinen Zuhörern kein Mörder. Aber sehr wahrscheinlich ein paar Leute, die schon mal im Zorn einen anderen beschimpft hatten: »Du Idiot!« Oder die einen Mitmenschen sogar verflucht hatten.

 

Ich muss zugeben: solche Gedanken sind mir nicht ganz fremd. Vor vielen Jahren stellte ich mein Fahrrad kurz vor einem Haus ab und ging hinein. Ich war nur ein paar Minuten im Haus! Als ich wieder zurück kam, war mein Rad weg. Ich sah noch den Dieb mit meinem Fahrrad davonfahren. Ich gestehe: ich hatte in diesem Augenblick keine guten Gedanken für ihn!

 

Ein Theologe sagte einmal: „Die Schicht der Anständigkeit ist dünn.“ An dieser hauchdünnen Schicht kratzt Jesus und legt offen, welche negativen Gedanken sich darunter verbergen können. Da können böse Gedanken ganz schnell zu gottlosen Taten werden.

 

Unsere Sprache ist verräterisch. Im Deutschen gibt es zum Beispiel den entlarvenden Wut-Satz: „Diesen Menschen könnte ich umbringen!“ Wenn einer „vor Wut kocht“ und dem anderen „den Hals abschneiden“ oder „die Gurgel zudrücken“ könnte, dann ist der andere bald auch gedanklich „gestorben“. Erledigt. In Gedanken ausgelöscht.

 

Jesus stellt mir die Frage, wozu ich fähig sein könnte. Gerade Zorn ist ein idealer Nährboden für Sünde. „Im Zorn tun wir niemals, was Gott gefällt“ schreibt Jakobus (Jakobus 1,20).

 

Natürlich gibt es auch eine berechtigte Wut. Ich darf wütend sein, wenn mir Unrecht geschieht. Ich kann wütend werden, wenn andere unter Unrecht leiden müssen. Ich kann wütend werden, wenn ich ohnmächtig zusehen muss, wie durch die dünne Schicht der Anständigkeit kriminelle Energie an die Oberfläche kommt. Die Frage ist dann, wie ich mit meiner Wut umgehe. Wird meine Wut zerstörerisch oder setzt sie Energie frei für positive Veränderungen? Lerne ich, mich gewaltfrei für Recht und Gerechtigkeit einzusetzen? Lerne ich, Konflikte friedlich zu lösen? Lerne ich, mich besser zu schützen?

 

Die Wut über meinen Fahrraddieb war bald verraucht. Aber der Ärger über mich wuchs. Schließlich hatte ich durch meine Nachlässigkeit einen anderen in Versuchung gebracht. Ich war gedankenlos, hatte mein Rad nicht gesichert. Das ist mir danach nie wieder passiert.

 

Auch Jesus konnte zornig werden. Zornig über die Pharisäer (Mk. 3,5). Unter ihrer dünnen Schicht der Frömmigkeit waren sie hartherzig. Sie blockierten damit, dass sich Gottes Liebe im Leben ihrer Mitmenschen entfalten konnte.

 

Wie hat Jesus reagiert? Er half weiter den Kranken und Behinderten, er liebte die Menschen ohne Ende. Er verfluchte sie nicht, er segnete sie. Er half ihnen zum Leben mit Gott. Er versöhnte uns mit Gott (Kol. 1,20): „Durch ihn, Jesus, hat er alles mit sich selbst versöhnt. Durch sein Blut am Kreuz schloss er Frieden mit allem, was im Himmel und auf der Erde ist.“

 

Am Kreuz nahm Jesus die Sünde aller auf sich, die Sünde der sprichwörtlichen und tatsächlichen Halsabschneider. Die Sünde der gedanklichen und der realen Mörder. An ihm, dem Messias, vollzog Gott sein Gericht. Jesus Christus bezahlte mit dem Leben für die vielen Sünden in Gedanken, Worten und Taten. Er starb auch für meinen Fahrraddieb und für mich.

 

Übrigens: für diesen jungen Mann bete ich jetzt wieder. Das Beste, was wir tun können, wenn die Wut aufsteigt: die Hände falten, Zorn und Frust bei Jesus abladen. Vergeben und – wenn möglich – versöhnen.

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