Ich aber bin gekommen, um ihnen das Leben zu geben, Leben im Überfluss.  Joh. 10, 10 b

 

Liebe Leser,

 

Advent heißt “Ankunft”, lateinisch adventus. Wir Christen warten in der Adventzeit nicht nur auf Weihnachten und feiern die Geburt Jesu. Wir warten auch darauf, dass Jesus Christus wieder kommt und dieser Erde seine Gerechtigkeit und seinen Frieden bringt, Gerechtigkeit und Frieden im Überfluss.

 

Jesus Christus sagt, dass er gekommen ist, um uns das Leben zu geben, Leben im Überfluss. Auf ein Leben im Überfluss warten viele Menschen. Unzählige Menschen leben jeden Tag nur im Mangel. Sie haben kaum zu essen. Kein Trinkwasser. Keine medizinische Versorgung. Unzählige Kinder haben keine Chance auf Bildung.

 

Unzählige Menschen haben auch an Weihnachten keine Meinungsfreiheit, keine Religionsfreiheit, keinen Schutz vor staatlicher Willkür. Viele Frauen und Kinder sind sexueller Gewalt ausgesetzt. Vielen Menschen nimmt man die Menschenwürde. Sie alle warten und hoffen auf ein Leben, das ihnen ihre Würde zurückgibt.

Lassen Sie mich bitte eine kleine Geschichte erzählen: Vor einiger Zeit wartete ich im Frankfurter Bahnhof auf die Ankunft meines Zuges. Ich stand im Wartebereich, als eine Taube zu mir kam. In vielen Bahnhöfen leben diese Tauben. Diese Taube suchte nach Essensresten. Ich habe ein Foto von uns beiden gemacht.

 

In Gedanken kam ich mit ihr ins Gespräch. Ich fragte sie: was machst du hier in diesem Bahnhof und lebst von den Abfällen, die auf dem Boden liegen? Warum lebst du nicht draußen, in der herrlichen Natur! Dort, wo die Sonne scheint. Wo es Bäume gibt. Wo es gute Nahrung für dich gibt im Überfluss. In meiner Phantasie antwortete sie: ich bin hier geboren und werde irgendwann zwischen den Gleisen sterben. Meine Eltern lebten auch schon hier, auch meine Großeltern. Ich kenne nichts anderes.

 

Genau so geht es unzähligen Menschen: sie kennen nichts anderes. Sie kennen nur Mangel von morgens bis abends. Sie kennen nur ihr Leben lang Entbehrungen. Sie kennen keinen Überfluss an Leben in Würde und Freiheit. Sie kennen keinen Überfluss an Liebe und Geborgenheit. Sie kennen keinen Überfluss an Trost und Hoffnung.

 

Wäre es nicht an der Zeit, diesen Kreislauf zu durchbrechen? Ist es nicht an der Zeit, anderen Menschen zu sagen, dass sie von Gott geliebte Menschen sind?! Ist es nicht endlich Zeit, Jesus Christus das Leben anzuvertrauen und ihn zu bitten, dass er das Leben erfüllt mit seiner Liebe, seiner Hoffnung, seinem Trost?

 

Die Taube fand bei mir nichts und ging zu anderen, die auch warteten. Ich konnte ihr nichts Gutes tun. Aber es gibt ein paar Menschen in meinem Corona-Alltag, denen ich etwas Gutes tun kann. Mitmenschen, die unendlich wertvoller sind als eine Taube (lesen Sie bitte Matth. 6, 26!). Es gibt Kranke, die ich anrufen kann, für die ich beten kann. Es gibt Einsame, denen ich einen Brief schreiben kann oder ein kleines Päckchen schicken. Es gibt für mich auch in diesen Zeiten immer wieder die Chance, den Mangel eines anderen Menschen ein bisschen kleiner zu machen.

 

Ich habe weder politische Macht noch gesellschaftlichen Einfluss. Ich bin ein Rentner unter Millionen anderen Rentnern. Aber ich kann einem Nachbarn, einem Freund, einem Bettler auf der Straße ein  bisschen helfen, dass der Mangel kleiner wird. Ich bin überzeugt: Sie können das auch. Lassen wir es Advent werden und ein Licht der Hoffnung im Herzen eines Mitmenschen anzünden. Damit die Liebe Gottes auch bei einem anderen Menschen ankommt. Gott segne uns bei diesem kleinen Glaubensschritt. Gehen wir!

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