Wenn jemand von euch verlangt, eine Meile weit mit ihm zu gehen, dann geht zwei Meilen mit ihm“ (Mt. 5, 41)

 

Liebe Leser,

 

zu den großen Touristenattraktionen in Kalifornien gehört der 17-Mile-Drive an der pazifischen Küste. Dort fahren Sie nach Carmel, einem kleinen idyllischen Ort. Clint Eastwood war in den 1980-Jahren dort Bürgermeister. Berühmt ist auch Lone Cypress, der angeblich am häufigsten fotografierte Baum der Welt. Für diese 17 Meilen wunderschöne Küste müssen Sie natürlich ein paar Dollar Eintritt bezahlen. Aber sie können auch darauf verzichten und alles links liegen lassen. Sie haben die Wahl.

 

Keine Wahl hatte Simon von Kyrene, ein Mann aus Libyen. Vermutlich war er Nordafrikaner. Ihn zwingen die römischen Soldaten, das Kreuz Jesu tragen:

 

„Auf dem Weg zur Hinrichtungsstätte begegnete ihnen ein Mann, der gerade von seinem Feld zurückkam. Er hieß Simon und stammte aus Kyrene. Ihm luden die römischen Soldaten das Kreuz auf und zwangen ihn, hinter Jesus herzugehen.“ (Lk. 23, 26)

 

Die Römer konnten jeden Nicht-Römer zwingen, eine Meile weit mitzugehen. Begleiter zu sein, um den Weg zu zeigen oder eine Last zu tragen. Natürlich ohne einen Cent dafür zu bekommen. So wie Simon, der von seiner Arbeit auf dem Feld kommt und nach Hause will. Jetzt muss er nach Feierabend das schwere Kreuz tragen. Er muss! Keiner fragt ihn, ob er will.

 

Jesus fordert uns Christen auf, nicht nur „eine Meile“ mit einem anderen zu gehen, sondern freiwillig noch eine zweite Meile. Weiter mitgehen als ich gehen muss. Weiter mittragen als ich tragen muss. Legt er uns damit nicht eine schwere Last auf? Eine viel zu schwere Last?

 

Diese „zweite Meile“ mitzugehen ist wahrscheinlich in den wenigsten Fällen noch wörtlich zu verstehen. Ich denke da eher an das Beispiel einer jungen Frau aus Israel. Ihre Geschichte steht in der Bibel, im Alten Testament (2.Kö. 5). Es ist die Geschichte einer Deportation:

 

 „Naaman, der oberste Heerführer von Syrien, war ein ausgezeichneter Soldat und Stratege. Er genoss hohes Ansehen, und der König schätzte ihn sehr, hatte doch der HERR durch Naaman den Syrern zum Sieg über die Feinde verholfen. Doch Naaman war aussätzig! In seinem Haus lebte ein israelitisches Mädchen. Syrische Soldaten hatten es auf einem ihrer Raubzüge in das Land Israel gefangen genommen und nach Syrien verschleppt. Sie war die Sklavin von Naamans Frau geworden. Eines Tages sagte das Mädchen zu seiner Herrin: »Ach, wenn mein Herr doch einmal zu dem Propheten gehen würde, der in Samaria lebt! Der könnte ihn von seiner Krankheit heilen.«

 

Diese junge Frau hat bestimmt viel durchlitten. Deportiert und jetzt Sklavin im Haushalt eines syrischen Generals. Eines schwer kranken Generals! Sie ist an einem Ort, den sie sich nicht ausgesucht hat. Sie arbeitet an einem Ort und unter Menschen, die sie sich nicht ausgesucht hat. Sie teilt ein Schicksal wie vor und nach ihr wahrscheinlich Millionen anderer Menschen. Verschleppt, versklavt. Der Zukunft beraubt.

Unvorstellbar, was diese junge Frau in dieser Situation tut: sie zeigt Mitleid mit dem Menschen, dem sie ihr Schicksal zu verdanken hat. Sie wünscht ihrem Chef nicht den Tod. Sie flucht ihm nicht. Sie freut sich nicht über sein Leid. Im Gegenteil. Sie will, dass es ihm wieder gut geht. Dass er geheilt wird. Sie will für ihn ein neues Leben. Sie zeigt ihm sogar einen Weg zur Heilung. Sie kennt jemanden, der helfen könnte.

Für mich bedeutet das, die „zweite Meile“ freiwillig mit zu gehen. Diese Frau, deren Namen wir nicht kennen, hilft. Durch ihre Hilfe findet Naaman das neue Leben bei Gott. Der Weg bis dahin ist sehr lang! Aber eines Tages ist er geheilt an Leib, Seele und Geist. Alles begann mit der „zweiten Meile“, die eine junge Frau mitgegangen ist.

 

Wie sieht Ihre Lebenssituation aus? Ist Ihr Leben wie eine traumhafte Fahrt am 17-Mile-Drive? Sonnig mit wunderschönen Aussichten? Oder leben Sie an einem Ort, den Sie sich nicht ausgesucht haben, an dem Sie gezwungenermaßen leben müssen? Mit Menschen, die sie sich nicht ausgesucht hätten?

 

Leiden Sie vielleicht wie Naaman an einer Krankheit? Welches Kreuz müssen Sie tragen? Wären Sie froh, wenn Sie jemand begleitet auf Ihrem schweren Lebensweg? Wenn jemand Ihre Not zu seiner Last macht? Ganz so, wie s der Apostel Paulus sagt:

 

„Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.“ (Brief an die Galater 6, 2). „Ertragt einer den anderen in Liebe.“ (Brief an die Epheser. 4, 2)

 

Ich bin überzeugt, dass es auch heute noch viele Möglichkeiten gibt, einen Mitmenschen auf seiner „zweiten Meile“ zu begleiten. Freiwillig. Aus der Liebe und in der Kraft, die uns der Heilige Geist schenkt. Ich bin überzeugt: nur im Geiste Jesu können wir die „zweite Meile“ mitgehen.

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