15.März 2022

 

Er – Jesus - trug selber sein Kreuz aus der Stadt hinaus, bis zum so genannten Schädelplatz – auf Hebräisch heißt er Golgota. Dort nagelten sie Jesus ans Kreuz und mit ihm noch zwei andere, den einen links, den anderen rechts und Jesus in der Mitte. Nahe bei dem Kreuz, an dem Jesus hing, standen seine Mutter und deren Schwester sowie Maria, die Frau von Klopas, und Maria aus Magdala. (Johannes-Evangelium 19, Verse 17, 18 + 25)

 

Liebe Leserinnen und Leser,

 

welchen Anblick muss Maria ertragen! Sie kann dem sterbenden Sohn nicht mehr helfen. Wie ein Mörder wird er hingerichtet. Er hängt zwischen zwei Verbrechern. Welch ein Schmerz muss diese Frau durchleiden! Der Lobgesang (Lk. 1, 46) ist verstummt. Die Freude über die Geburt des Messias weicht Seelenqualen. Es trifft jetzt ein, was der alte Prophet Simeon damals zu ihr gesagt hatte: Jesus wird ein Zeichen Gottes sein, gegen das sich viele auflehnen werden. So sollen ihre innersten Gedanken an den Tag kommen. Du aber, Maria, wirst um dieses Kind viele Schmerzen leiden müssen; wie ein scharfes Schwert werden sie dir ins Herz schneiden (Lk. 1, 23 + 35). Jetzt durchleidet sie diesen unsagbaren Schmerz, wie ihn nur Mütter durchleiden können. Das geliebte Kind, das sie geboren hat, stirbt vor ihren Augen. Hilflos muss sie das ansehen.

 

Matthias Grunewald hat diese seelischen Qualen in einem berühmten Bild festgehalten. Auf dem Isenheimer Altar zeigt er Maria, die unter dem Kreuz zusammenbricht. Der Jünger Johannes ist bei ihr und hält sie in seinen Armen. Er ist der einzige Jünger, der in der Stunde des Todes bei Jesus und seiner Mutter bleibt. Die anderen Jünger halten das nicht aus. Ich muss zugeben: auch ich wäre wahrscheinlich nicht dabei gewesen. Auch ich hätte diesen grausamen Tod nicht ansehen können. Auch ich hätte Maria und die anderen Frauen in ihrem Schmerz wahrscheinlich allein gelassen.

 

Warum mutet Gott das alles der Mutter Jesu zu, diesen Frauen, seinen Jüngern? Warum mutet er das alles seinem Sohn zu? Es klingt paradox: aus Liebe zu Ihnen und zu mir. Aus Liebe zu allen Menschen mutet Gott das seinem Sohn zu. „Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren geht, sondern das ewige Leben hat“. (Joh. 3, 16) Jesus, der Messias, stirbt freiwillig, um uns zu erlösen von der Macht der Sünde und des Todes. Er nimmt alle Schuld dieser Welt auf sich. Der Prophet Jesaja sagt: „Er wurde blutig geschlagen, weil wir Gott die Treue gebrochen hatten; wegen unserer Sünden wurde er durchbohrt. Er wurde für uns bestraft – und wir? Wir haben nun Frieden mit Gott! Durch seine Wunden sind wir geheilt.“ (Jes. 53, 5).

 

Das Kreuz von Golgatha ist eine Zumutung. Viele Menschen können auch heute dieses Kreuz mit dem sterbenden Jesus nicht sehen. Doch Jesus vergießt sein Blut, um uns zu Kindern Gottes zu machen. Er schafft diesen neuen Bund, den der Prophet Jeremia angekündigt hatte: „Ich schreibe mein Gesetz in ihr Herz, es soll ihr ganzes Denken und Handeln bestimmen. Ich werde ihr Gott sein, und sie werden mein Volk sein.“ (Jer. 31, 33).

 

Wo dieses Gesetz der Liebe nicht in das Herz hinein geschrieben wird, da geschieht auch weiter Unrecht und Blutvergießen. Auch heute. Wir hören und sehen es täglich. Der gekreuzigte Jesus ist ein Weckruf an alle: beendet alles Blutvergießen! Schützt das Leben, das so wertvoll ist. Jedes Menschenleben ist einmalig und unendlich wertvoll. Wir haben Leben zu bewahren! Wir Christen stehen auf der Seite Jesu, der das Leben und die Wahrheit ist (Joh. 14, 6). Wir sollen Leben schützen, Leben erhalten und ganz besonders das Leben von Kindern. Es ist eine unfassbare Schande, wenn Kinder durch Gewalt, durch Krieg oder durch sexuellen Missbrauch traumatisiert werden.

 

Doch es gibt auch Hoffnung: unter dem Kreuz von Golgatha stehen nicht nur eine verzweifelte Mutter, weinende Frauen und ein leidender Jünger. Es steht auch ein unbekannter Soldat dort, ein römischer Hauptmann. Gott hat sein Herz berührt. Er begreift: „Wahrlich, dieser Mensch ist Gottes Sohn gewesen“. (Mk. 15, 39). Er ist für mich ein Zeichen der Hoffnung. Ausgerechnet ein Soldat begreift, dass dort Gott selbst am Kreuz hängt. Jesus, die Liebe Gottes in Person, wird ans Kreuz geschlagen.

 

Gott hat den Blick dieses römischen Soldaten verändert. Der Blick auf Jesus verändert auch uns. Der auferstandene und ewig lebendige Christus verändert unser Herz und macht es fähig zur Liebe gegenüber Gott und unseren Mitmenschen. Er will uns sogar dazu bereit machen, unsere Feinde zu lieben. Welch eine Zumutung! Lassen wir sie zu?

 

Ich lade Sie ein zu einem Gebet:

 

Jesus Christus, deine Liebe ist eine Zumutung für uns. Denn sie will uns von Grund auf verändern. So oft wehren wir uns dagegen und verweigern uns deiner Liebe.
Du bist das Leben und willst, dass wir das Leben schützen und nicht zerstören.
Wir bitten dich für die Kinder, die unter Gewalt zu leiden haben. Hilf ihnen.
Wir bitten dich für die Kinder, die unheilbar krank sind. Hilf ihnen und ihren Familien. Bitte erhöre ihre Gebete!
Wir bitten dich für alle Mütter, alle Väter, alle Familien, die unter dem Tod eines Kindes zu leiden haben. Tröste sie und gib neue Hoffnung!
Wir bitten dich für Frieden, wo Hass und Gewalt regieren. Wir bitten dich, dass Menschen deinen Weckruf hören und sich öffnen für deine Liebe. Amen.

Danke, dass Sie zugehört und mit gebetet haben. Ich lade Sie ein, ab dem 2. April mit mir nachzudenken, was der sterbende Jesus zu seiner Mutter und dem Jünger Johannes sagt.

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