Mitten in der Nacht stand Jakob auf und überquerte den Fluss Jabbok. Plötzlich stellte sich ihm ein Mann entgegen und kämpfte mit ihm bis zum Morgengrauen. Als der Mann merkte, dass er Jakob nicht besiegen konnte, gab er ihm einen so harten Schlag auf das Hüftgelenk, dass es ausgerenkt wurde. Dann bat er: »Lass mich los, der Morgen dämmert schon!« Aber Jakob erwiderte: »Ich lasse dich nicht eher los, bis du mich gesegnet hast!«

 

 »Wie heißt du?«, fragte der Mann. Als Jakob seinen Namen nannte, sagte der Mann: »Von jetzt an sollst du nicht mehr Jakob heißen. Du hast schon mit Gott und mit Menschen gekämpft und immer gesiegt. Darum heißt du von jetzt an Israel.«  »Wie ist denn dein Name?«, fragte Jakob zurück. »Warum willst du das wissen?«, entgegnete der Mann nur, dann segnete er ihn. »Ich habe Gott von Angesicht zu Angesicht gesehen, und trotzdem lebe ich noch!«, rief Jakob. Darum nannte er den Ort Pnuël (»Gesicht Gottes«).

1.Mose 32, 23 ff in Auszügen

 

Liebe Leserin, lieber Leser,

 

der Glaube an Gott ist keine Schablone, die man aufs Leben legt und dann versucht, sie religiös nachzuzeichnen. Glaube ist immer die Begegnung mit dem lebendigen Gott. Gott will dem Menschen von Angesicht zu Angesicht begegnen, will ihn segnen, will ihn zu einem neuen Menschen machen. Jakobs nächtlicher Kampf ist dafür ein gutes Beispiel:

 

1.Jakob hat sich die Begegnung mit Gott nicht ausgesucht. Plötzlich und unerwartet erscheint Gott mitten in der Nacht. Er erscheint als Fremder und kämpft mit ihm, von Mann zu Mann. Eine unheimliche Situation. Doch Jakob flieht nicht, sondern er nimmt die Herausforderung an und kämpft. Er kämpft ums Überleben. Er kämpft auch für seine Familie.

 

Ich kenne Menschen, die nächtliche Kämpfe mit Gott durchgestanden haben. Nächtliche Gebetskämpfe, in denen mit Gott gerungen wurde. Nächte, in denen geweint und gelitten wurde. Nächte, in denen Gott nicht als der liebende Vater, sondern der unheimliche, der fremde Gott erschien. Ich denke an den Vater, dessen Sohn mit dem Motorrad tödlich verunglückte. Ich denke an die Mutter, deren kleines Kind an Krebs starb.

 

Fliehen, oder weiter kämpfen? Den Glauben an einen barmherzigen Gott aufgeben? Oder wie Jakob weiterkämpfen bis wieder die Sonne aufgeht? Bis sich Gott wieder zeigt als das helle Licht. Bis wieder Jesus Christus, das Licht des Lebens, die Dunkelheit durchbricht.

 

2.Als wäre der Kampf nicht genug, fügt Gott noch einen unheilbaren Schmerz hinzu. Ich kenne Frauen und Männer, die große Schmerzen im Hüftgelenk haben und gehbehindert sind. Unsere moderne Medizin kann durch ein künstliches Hüftgelenk helfen. Aber es gibt Schmerzen in der Seele, die können nicht wegoperiert werden. Es gibt Schmerzen, die lebenslang ertragen werden müssen. Zum Beispiel der Tod eines geliebten Menschen. Oder der Schmerz einer gescheiterten Ehe. Oder das Scheitern des eigenen Lebens. Dann fragt man sich: warum muss ich diesen Schmerz ertragen? Warum fügt mir Gott diesen Schmerz zu? Warum hat Gott mich nicht davor bewahrt?

 

Mitten im Schmerz hält Jakob an Gott fest. Er lässt Gott nicht los, sondern will gesegnet werden! Ist das nicht paradox? Er ruft nicht „Gott, mit dir will ich nichts mehr zu tun haben!“, sondern „Ich lasse dich nicht los, es sein denn, du hast mich vorher gesegnet!“

 

Er will erst aufhören mit Gott zu kämpfen, wenn er gesegnet wird. Und Gott erfüllt diese Bitte. Er segnet ihn und gibt ihm einen neuen Namen. Aus Jakob, dem Betrüger, wird Israel. Das kann übersetzt werden mit „Kämpfer Gottes“. Er hat mit Gott gekämpft, mit Gott gerungen. Er bekennt: „Ich habe Gott von Angesicht zu Angesicht gesehen, und meine Seele ist gerettet worden.“

 

So wird der nächtliche Kampf zum Beginn eines neuen Lebens. Geprägt von einem neuen Namen und damit einem neuen Auftrag. Aber auch geprägt vom Schmerz der Erinnerung. Der Gotteskampf hat sich wie mit einem Brennstempel unauslöschlich ins Leben eingeprägt.

 

3.Vor zwei Jahren starb eine Freundin an Krebs. Mitten im Leben begann der Kampf gegen diese Krankheit. Am Sterbebett bat sie mich, sie zu beerdigen. Gemeinsam haben wir dann diesen Tag des Abschieds vorbereitet. Sie hatte Glaubenskämpfe durchgemacht. Aber sie wurden zum Glaubenssieg. Sie sagte mir: „Ich habe wieder zu Gott zurück gefunden. Sage das bei meiner Beerdigung allen, die kommen.“ Es kamen viele, und ich durfte am Sarg sagen, dass sie Frieden mit Gott gefunden hatte. Ich durfte sagen, dass der Psalm 23 auch ihr Trostpsalm geworden war. Der Schmerz, so früh sterben zu müssen, war dem Sieg des Glaubens gewichen.

 

„Meine Seele ist gerettet worden!“ kann Jakob sagen. Und dann kommt dieser wunderbare Satz: „Und die Sonne ging ihm auf ….“ Wer sagen kann, meine Seele ist gerettet worden, dem geht nicht nur ein Licht auf, dem geht die Sonne auf! Da kommt das Licht Gottes wieder ins Leben hinein und überstrahlt jede Dunkelheit. Da wird es hell in den Gedanken, da weicht die Dunkelheit aus dem Herzen. Auch wenn der Schmerz bleibt.

 

Jesus Christus sagt (Johannes-Evangelium 8, 12): „Ich bin das Licht der Welt; wer mir nachfolgt, wird nicht in der Finsternis wandeln, sondern wird das Licht des Lebens haben.“ Er führt hinaus ins Licht des Lebens.

 

Ich wünsche Ihnen, dass dieses wunderbare Jesus-Licht Ihren Alltag ganz hell macht. Auch wenn Sie vielleicht noch mit Gott ringen und seine Wegführung nicht verstehen können. Auch wenn Sie unter den Schmerzen leiden, die Ihnen zugefügt wurden. Ich wünsche Ihnen, dass Sie gesegnet werden und wie Jakob sagen können: meine Seele ist gerettet worden. Ich wünsche dass sie wie Jakob erfahren dürfen: die Sonne ging über meinem Leben auf. Amen.